Donnerstag, 1. November 2007

» Nach dem Klinikaufenthalt

Ursprünglich hatte ich die Absicht, hier alles aufzuschreiben, was mir seit der Diagnosestellung passiert ist. Es gelingt mir nicht mehr, das chronologisch zusammen zu bekommen. Also schreibe ich auf, was mir gerade einfällt.

Als ich dann also wieder zu Hause war, und irgendwie „wusste“, dass ich Krebs habe und Krebs Sterben bedeutet,
› habe ich das Internet nach den Worten
Zungenkrebs, Plattenepithelcarzinom, Krebstherapien, Chemotherapie, Bestrahlung, Lebenserwartung
usw. abgesucht. (Erfolgreich, aber die Antworten haben mir nicht gefallen.)
also
› beschloss ich auf Grund der Antworten, die ich da im Netz gefunden habe und der Aussage eines Arztes aus der Klinik, dass ich eine Überlebenschance von 30-40 % innerhalb der nächsten 5 Jahren habe, wenn ich die vorgeschlagene Therapie (Bestrahlung und Chemo nach Schema "F") machen ließe,
keine Radikal-Therapie mit Bestrahlung, Chemotherapie und Sonden zu machen

Bei einer Bestrahlung werden ja außer den kranken auch gesunde Zellen zerstört. Außerdem habe ich Metastasen an beiden Halssträngen. Die Folge wäre, das ich schon jetzt nicht mehr schlucken und sprechen könnte. Gesundes bestrahltes Gewebe wächst nicht wieder nach. Die Chemotherapie greift nicht nur den Krebs an, sondern macht sich auch sonst im Körper an allen möglichen Organen zu schaffen.

Der Krebs wird sich einen solchen radikalen Angriff nicht gefallen lassen, und sich nach Kräften wehren. Was hätte ich unter dieser radikalen Therapie noch für eine Lebensqualität bis es mich endgültig dahin rafft? Und vor allem wofür die ganze Quälerei?

— Nee, nee das tue ich mir nicht an —

Tatsache ist: der Tag an dem man wir erfahren, dass wir Krebs haben, ist nicht der Tag, an dem der Krebs entstanden ist.

Ich denke folgendermaßen:
wenn der Krebs eine Weile brauchte um zu wachsen und sich auszubreiten, dann wird er, bloß weil ich jetzt weiß das er da ist, nicht plötzlich Vollgas geben.
Wenn ich ihn in Ruhe lasse.
Jetzt geht es mir noch einigermaßen gut, ich komme mit der Schmerztherapie über die Runden.
Ich kann mir für morgen und übermorgen und vielleicht auch für überübermorgen noch was vornehmen. Ich bezweifle absolut, das das unter der Kombi-Therapie möglich wäre.

Als nächstes
› habe ich

völlig emotionslos angefangen, meine Wohnung auf- oder eher auszuräumen. In allen Schränken rumgekramt, Dinge weggeworfen, Briefe aussortiert, damit mein Sohn später (bald?), nicht mehr soviel Arbeit mit dem Kram hat;
› bin ich
in die Praxis von dem Professor Schultz-Ehrenburg gegangen um mir meine Krankenakte zu holen, bzw. kopieren zu lassen.
Am Freitag, kurz vor Feierabend, damit keine Zeit mehr ist lange mit mir zu diskutieren, bat ich die Schwester unter einem Vorwand, mir eine Kopie auszudrucken. Ich hatte die Absicht, den Professor Schultz-Ehrenburg zu verklagen.
Ich glaube nämlich, dass er verantwortlich dafür ist, dass ich jetzt den Krebs habe. Er hätte, nachdem sich mein Zungenbefund nicht verbessert, sondern stetig verschlechtert hat – was ja auch ganz deutlich zu sehen war – Untersuchungen veranlassen müssen (das wurde mir im Krankenhaus gesagt). Was er nicht getan hat. Da er mir immer gesagt hat, man könne den Lichen ruber mucosa nicht heilen, sondern nur mit den Neotigason Kapseln behandeln, habe ich ihm das geglaubt und versucht mich irgendwie damit abzufinden. Nun ist es zu spät.

› habe ich eine Anwältin gesucht, die die Klage ins Rollen bringen soll. Dazu später auch noch mehr.

› bin ich
in ein Beerdigungsinstitut gegangen und habe mich nach den Möglichkeiten, die eigene Beerdigung vorzubereiten, erkundigt. Wollte wissen, ob es das Gesetz in Berlin erlaubt, die Asche zu verstreuen, ob man seine Urne selbst machen kann usw. Was da alles möglich ist, werde ich später noch näher erklären.

› habe ich
einen Erwerbsunfähigkeitsrentenantrag gestellt.
Und, oh Wunder, manchmal, wenn die Mühlenräder der Bürokratie gut geölt sind, mahlen sie recht schnell. Der Rentenantrag, am 8. Juni gestellt, wurde im August rückwirkend zum 13. April bestätigt. Zum Leben reicht die Rente natürlich nicht, so dass ich einen Antrag beim Sozi stellen musste, um wieder auf meine 345,-€ im Monat zu kommen.

› habe ich
versucht, eine Traumatherapie zu machen, aber nach einer Woche wieder aufgegeben, weil ich glaube, dafür keine Zeit mehr zu haben. Ehe das alles bei mir da angekommen ist, wo es hingehört, lebe ich vielleicht schon gar nicht mehr.

› habe ich
mir einen Schmerztherapeuten gesucht. Da gegen den Krebs, außer mit der schon genannten Radikal-Therapie nix zu machen ist, macht es Sinn, wenigstens etwas gegen die Schmerzen zu tun.