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Montag, 22. Oktober 2007

--> Freitag, der 13. April 2007

... war der Tag "der 'Wahrheit". Ich lag seit 4 Tagen in der Charité und wartete auf die Untersuchungsergebnisse. Gegen 10.00 Uhr war, wie jeden Tag Visite. Auf dieser Station heißt das, dass sich die Patienten vor dem Behandlungszimmer hinsetzen und warten. Vor dem Behandlungszimmer deshalb, weil bei den meisten Verbände gewechselt werden müssen. In dem Beh.-zimmer steht ein Stuhl, ähnlich einem Zahnarztstuhl. Man legt sich drauf und ist den Ärzten sozusagen hilflos ausgeliefert. Als ich dran war machte ich das auch, mich drauf legen. Die Ärztin stand in einem Abstand von ca. einem halben Meter am Fußende des Stuhls und hatte einen Ordner mit Papieren in der Hand. Sie schaute mich freundlich an und sagte, sie hätte die Ergebnisse der Biopsie, ob ich alles wissen wolle.
"Ja, klar."
"Wir haben an 5 Stellen auf der Zunge Proben entnommen. 3 davon waren positiv."
"Wie? Positiv?"
"Naja, Sie haben Krebs."
Die Zeit bleibt plötzlich stehen, Adrenalin schießt mir durch den Körper, kalter Schweiß, ich kann nicht mehr atmen, mich nicht mehr bewegen, nix sagen. Ich muß hier raus. Springe auf, raus aus dem Raum, über den Flur auf eine Tür zur Treppe, durch, halbe Treppe runter, der Druck auf Brust muß weg, raus, schreien, treten. Ich bleibe stehen und brülle kurz wie eine Irre in das Treppenhaus. Einatmen, ausatmen. Reiß dich zusammen, mach hier nicht so ein Theater, du bist nicht allein, zurück ins Behandlungszimmer! Hören, was die Ärztin noch zu sagen hat.
Sie steht da, wie gerade noch. Ich setze mich ganz vor auf die Kante des Marterstuhls, schaue sie an und warte.
"Sie sagten, Sie wollen alles genau wissen, ist das immer noch so?"
"Ja."
"Also, ich muß ihnen noch sagen, daß der Krebs leider inoperabel ist und, daß (Pause.........)"
"Ja, was?"
"daß sich schon in beiden Halssträngen Metastasen gebildet haben. Wir haben aber schon einen Therapieplan ausgearbeitet. Montag stellen wir Sie dem Onkologen für die kombinierte Chemo- und Strahlentherapie vor. Für Dienstag haben wir ein Bett in der Zahnklinik bestellt, weil erst noch eine Zahnsanierung gemacht werden muß. Vorher legen wir Ihnen noch einen Port für die Tröpfe und vor Beginn der Chemo bekommen Sie noch eine Sonde für die künstliche Ernährung gelegt."
Ich stehe auf. Ich fühle nichts mehr und der Kopf ist leer. Die Ärztin, das Zimmer, die Welt, alles ist weit weit weg.
"Sagen Sie bitte den Termin für Dienstag ab. Ich gehe übers Wochenende nach Hause."
Es klopft an der Tür, eine andere Patientin fragt, ob es noch lange dauert. Ich frage die Ärztin, ob sie später noch Zeit für mich hat und gehe.

Gehe Gedanken und -emotionslos in mein Zimmer, lege mich aufs Bett, stehe wieder auf, packe meine Sachen zusammen, telefoniere, weil ich es nicht schaffen werde, allein nach Hause zu fahren.

Versuche nochmal die Ärztin zu erreichen, sie macht Raucherpausen im Schwesternzimmer, will später kommen. Kommt später nicht. Geht auf dem Gang an mir vorbei, senkt den Kopf, sieht mich nicht. Hat sie Angst mit mir zu reden? Warum? Ich hab doch den Krebs? Ist sie für solche Gespräche nicht ausgebildet? Ich will ja nicht bedauert werden, habe aber tausend Fragen zu den Therapien, den Folgen, meinen Überlebenschancen.

Na gut, dann warte ich damit bis nächste Woche, irgendein Arzt wird dann mit mir reden.

Am Wochenende habe ich beschlossen erstmal für 2 Wochen nach Hause zu gehen, um die Sache für mich irgendwie zu klären.

Es gibt da nämlich etwas ganz entscheidendes, worüber ich nachdenken muss. Wie konnte es geschehen, dass Zungenkrebs bei mir festgestellt wurde, wenn ich doch regelmäßig wegen bei dem Professor Schultz-Ehrenburg in Behandlung gewesen bin? Der hat meine Zunge regelmäßig angesehen. Ich habe ihm gesagt, das die Schmerzen schlimmer werden, bla bla bla. Das kläre ich später.

Das Gespräch mit dem Stationsarzt ist ziemlich kurz. Nachdem ich ihm gesagt habe, daß ich die Therapie nicht sofort beginnen kann, muss ich irgendwas unterschreiben: ...daß ich auf eigenen Wunsch und gegen den Rat der Ärzte die Klinik verlasse.

Ich habe noch ein paar Fragen, aber er muss gleich in den OP, ich kann ihn ja in der Woche anrufen und er beantwortet meine Fragen dann am Telefon. Er erklärt mir nur noch schnell, daß die Zahnsanierung bedeutet, dass alle Zähne raus müssen, damit keine allzu starken Entzündungen während der Bestrahlung entstehen können. Auf meine Frage, wie es mit Zahnersatz aussieht, meint er, das wäre doch jetzt nicht das Wichtigste.
Ach so, wenn er meint!
Die Magensonde wird für die künstliche Ernährung gelegt, weil durch die Metastasierung, die Bestrahlung ausgedehnt sein muss und ziemlich viel Gewebe zerstört wird, und ich darum nicht mehr essen kann.
Welche Folgen die Bestrahlung noch haben kann, muß man dann sehen. Ich muß hier raus!!